Laudatio von Hendrik Hülsmann

 

Liebe Schützenschwestern, liebe Schützenbrüder,

Sehr geehrte Damen und Herren,

Der alte Albert Einstein saß einst in einem Zug und las wie immer ein
wissenschaftliches Fachblatt. Als der Schaffner kam und um die
Fahrkarten bat, um diese zu entwerten, suchte Albert Einstein
fieberhaft in seiner Weste, in seinen Taschen, sogar in seiner
Aktentasche, konnte die Fahrkarte aber nicht finden. Da sagte der
Schaffner." Ist schon gut Herr Professor, ich glaube ihnen ja, dass Sie
eine Fahrkarte hatten 1/1 Daraufhin sah Einstein den Schaffner an und
sagte: "Junger Mann, mein Problem ist nicht, dass ich Ihnen die
Fahrkarte nicht zeigen kann, mein Problem ist vielmehr, dass ich
ohne meine Fahrkarte nicht weiß, wo ich aussteigen soll."

In diesem Sinne freue ich mich, dass Sie alle den Weg hier nach
Schortens ins Bürgerhaus gefunden haben. Auch wenn die wenigsten
von Ihnen heute mit der Nordwestbahn angereist sein dürften so
spielt das Gelände um den Bahnhof in Schortens-Heidmühle doch
eine - zumindest für unseren Verein - historisch begründende Rolle.
Es war im 15. Jahrhundert, als die Jeverländer zum Schutze ihrer
Stadt vor den Ostfriesen in der Nähe der Heidmühle Schanzen
aufwarfen. In der größten dieser Schanzen, dort wo eben jetzt die
Gleisanlagen des Bahnhofes liegen, baute die jeversche Artillerie
einen Schießstand, welcher 1781 fertiggestellt war, und dann 1791
nachweislich zum ersten Mal von den Schortenser Schützen für ein
Scheibenschießen benutzt wurde. Dies belegt ein Zinnteller mit der
Inschrift "Vivat Friedrich August - Zweites Scheibenschießen in
Schortens 1792/1 sowie die Erwähnung in einem Brief der Ehefrau des
damaligen Deichinspektors des Amtes Rüstringen, Herr Vieth, vom
28.Juni 1791, in dem sie an ihren Sohn schrieb: Zitat

"Vorigen Freitag auf dem Ball wurde Deiner gedacht mit dem
Wunsch, dass Du so wie voriges Jahr dabei wärest. Zwei Tage vorher
war Scheibenschießen bei der Haid-Mühle von den Schertensem. in
einer alten Schanze." Zitat Ende

Weitere Aufzeichnungen belegen, dass in der alten Schanze auch
regelmäßig Schützenfeste gefeiert wurden. Dies zumindest bis
1806.Dann kamen die Franzosen, die naturgemäß eine - wie auch
immer bewaffnete Gruppe - nicht dulden konnten und diese und
auch das Scheibenschießen entsprechend verboten. Als Napoleon
1815 bei Waterloo endgültig seinen Kampf um die Macht in Europa
verloren hatte, wurden die Schortenser Schützen wieder aktiv und
führten Ihre Schützenfeste kontinuierlich durch. Nun im Hof
Jungfernbusch, der an der Ecke Kreuzweg, Diekenweg lag. Im
Heimatmuseum im Schloß zu Jever findet sich denn auch eine Kanne
mit der Gravour: Zweite Prämie beim Schortenser Scheibenschießen
vom 12ten August 1832.

Wohl bis 1871 war der Schießstand in Heidmühle gut sichtbar,

musste dann aber den Gleisarbeiten für die Strecke Jever-Sande
weichen. Wo anschließend geschossen wurde ist nicht überliefert,
aufgelöst haben sich die Schortenser Schützen offiziell nie, was es uns
letzten Endes erlaubte den Zusatz "von 1791/1 zu tragen.

Am 15. Juli 1957 war dann die Wiedergründung. Die Herren Köhn und
Rohlfs gaben eine Zeitungsannonce auf und 31 Interessierte kamen
zur ersten Versammlung. Eduard Köhn wurde zum Ersten
Vorsitzenden des kommissarischen Vorstands gewählt. Ihm folgte
Johann Lüken, der den Verein bis 1964 führte, und 1968 auf dem
Königsball in Uniform verstarb. Das erste Plaketten- und
Scheibenschießen fand auch bereits Ende Oktober Anfang November
1957 statt. Da noch kein Schießstand vorhanden war, wurde der Saal
des Östringer Hofes, welcher dem Vizepräsidenten Friedrich Rohlfsen

gehörte, kurzerhand zum Luftgewehrstand umfunktioniert. Alle
packten mit an - so wie es sich in einem guten Verein gehört.

Das Thema Schießstand war naturgemäß das Topthema. Die alten
Schanzen waren ja schon lange verschüttet. Also wurde beschlossen
einen neuen Schießstand zu bauen. Die Suche nach einem geeigneten
Ort indes gestaltete sich anfangs schwierig. Da machte Eilt Ennen, der
Besitzer des "Dorfkruges", dem Verein das Angebot, diesem einen
Teil seines Grundstück kostenlos zu überlassen. Darüber hinaus gab
er nochmal 1.000 DM dazu.

Da weder vom Nordwestdeutschen Schützenbund, dem der Verein
selbstverständlich beigetreten war, noch von der Gemeinde
Zuschüsse zum Schießstandbau zu erhalten waren musste der Verein
selbst für die Kosten aufkommen. Insgesamt immerhin 26500 DM,
was zur damaligen Zeit eine Menge Geld war. Die unzähligen Stunden
der Vereinsmitglieder sind in der Kostenberechnung natürlich nicht
enthalten. Vielleicht wäre der Schießstand auch nie gebaut worden,
denn die finanzielle Belastung und das damit verbundene Risiko
waren doch sehr hoch und viele Schützenbrüder skeptisch. Nachdem
Präsident Lüken aber erklärte, dass er dafür gerade stehe, dass die
Mauern hochgezogen würden und er zudem auch unter allen
Umständen bereit sei, für die finanzielle Seite die Verantwortung zu
übernehmen, ging der Verein enthusiastisch ans Werk. Zumindest ein
Viertel der Vereinsmitglieder halfen enthusiastisch mit, eine
Prozentzahl, die sich bis heute gehalten hat. Allen voran aber wieder'
der Präsident, der über 800 Stunden Arbeitszeit investierte.
Manchmal braucht es eben Leute, die ein Zeichen setzen, als Vorbild
vorangehen und für ihre Überzeugungen etwas riskieren. 1959 war
der Schießstand dann errichtet, wobei weder der Luftgewehr noch
der KK Stand überdacht waren. Lediglich der Bereich für die Schützen
war mit einem Regenschutz versehen.

1958 feierte der Schützenverein Schortens von 1791 e.V. sein erstes
Schützenfest, eine Tradition, die leider nur bis 1971 aufrechterhalten
wurde. 1971 bin ich geboren und als Zugezogener kann ich Ihnen
sagen, dass ich sicher nie zum Schießsport gekommen wäre, wenn ich
nicht schon als kleiner Junge auf dem Schützenfest den Wunsch
verspürt hätte, auch irgendwann einmal den Vogel von der Stange zu
schießen und König zu sein. Kinder und Jugendliche zu motivieren ist
in der heutigen Zeit von Smartphone, Tablet, Computern und
Spielekonsolen sicher nicht mehr so einfach. Viele Vereine, nicht nur
wir, kämpfen mit der Reiz- und Angebotsüberflutung, mit welcher die
Jugendlichen heute konfrontiert werden. Es ist natürlich auch viel
bequemer auf einer Playstation Bogenschießen zu spielen als selbst
einen Bogen in die Hand zu nehmen. Und ich weiß gar nicht, ob ich es
heutzutage als Kind nicht genauso machen würde. Aus meiner Sicht
hatten wir Glück, Glück dass wir es anders erleben durften.

Wie dem auch sei. Im Jeverschen Wochenblatt, welches dieses Jahr
ebenso sein 225 jähriges Bestehen feiert, hieß es zumindest am 20.
Januar 1972: "Opa's Schützenfest ist jetzt auch in Schortens tot!"
Traurig aber sicherlich nicht zu ändern, denn die Interessenlagen der
Bevölkerung und auch der Vereinsmitglieder haben sich aus
vielfältigen Gründen geändert. Zum einen erfolgte eine stärkere
Fokussierung auf den Schießsport und zum anderen ließen die
ruckläufigen Besucherzahlen des Schützenfestes diese zu einem
finanziellen Risiko werden, welches der Verein nicht mehr tragen
konnte oder wollte.

Zu dieser Zeit war Franz Steinmetz Präsident, er führte den Verein
von 1964 - 1980. 1969 erfolgte ein Grundstückstausch mit dem
neuen Besitzer des .Dorfkruges" Gerd Hinrichs. Dieser bot dem
Verein im rückwärtigen Bereich des Dorfkruges ein nicht bebautes
Grundstück an und im Gegenzug sollte der alte Aufenthaltsraum der
Gaststätte zugeschlagen werden. Ein guter Tausch für uns, da auch

die Kosten für die Umbaumaßnahmen geteilt wurden. Das
Vereinshaus wurde also nach hinten verschoben und der
Haupteingang an den Schützenweg verlegt. Hier ist er auch viel
besser aufgehoben, allein schon wegen der Adresse.

In den 80er Jahren erlebte unser Verein eine Hochkonjunktur. Dirk
Ennen wurde Präsident und blieb dies bis 1992. Der Verein erfreute
sich großer Beliebtheit und eines großen Mitgliederzustroms. Die
Sportschützen errangen gute Platzierungen auf Landesebene, von
den Erfolgen auf Kreis- und Bezirksebene ganz zu schweigen. Aber
mit dem Erfolg wuchsen auch die Begehrlichkeiten. Die
Trainingsmöglichkeiten waren nicht zufriedenstellend. So entstand
1986 der Plan, die Schützenhalle komplett zu überholen und neu zu
gestalten. Die Zeit schien günstig, die öffentlichen Kassen waren gut
gefüllt und auch die Sportbünde sicherten ihre Unterstützung zu. So
wurde der Bau unter der fachkundigen Anleitung der
Bausachverständigen Eduard Lüken und Wieland Stiehler
vorangetrieben. Als "Polier/{ diente Präsident Ennen, der jede freie
Minute hergab und immer zur Stelle war. Ende 1987 war alles fertig,
über 150000 DM waren verbaut. Über die Hälfte der Kosten wurde
von der Gemeinde, dem Landkreis und den Sportbünden getragen -
heute sicherlich undenkbar. Die Rechnung beinhaltet natürlich
wieder einmal nicht die unzähligen Eigenleistungen. Der Verein hatte
ein Darlehen von 65000 DM abzubezahlen. Dies gelang aber sehr
schnell. Nur 8 Yz Jahre später war alles abbezahlt, was aus meiner
Sicht eine beachtliche Leistung war.

1986 kamen auch die Bogenschützen unter der Leitung von Wolfgang
Klemenz als weitere Sparte in unseren Verein.

1992 wurde Bruno Bewersdorf zum Präsidenten gewählt. Dirk Ennen
zum Ehrenpräsidenten. In dieser Zeit hatte der Verein mit über 230
Mitgliedern die höchste Mitgliederzahl. Die Festivitäten wie

Kommersabend und Königsball waren gut besucht und schlossen mit
einem kleinen Plus oder zumindest mit einem vertretbaren leichten
Minus ab. 1996 wurde Lutz Stezka Präsident. Sein Amt behielt er bis
2009. Ihm folgte Peter Langer, der sein Amt dieses Jahr an Holger
Zwirner abgab und zum Ehrenpräsidenten gewählt wurde.

Peter Langer ist ein freundlicher Mann, das kann ich nun aus eigener
Überzeugung sagen. Er ist sogar so freundlich, dass er den
Präsidenten des Schützenvereins Jever letztes Jahr darauf hinwies,
doch einen Zuschuss bei der Volksbank Jever zu beantragen. Selbst
hat er dann doch aber glatt vergessen, diesen zu stellen.
Wahrscheinlich dachte er, die Jeveraner haben damals ja für uns die
Schanzen gebaut, in denen wir unsere Schützenfeste feierten und
Scheibenschießen durchführten, da kann man auch mal was
zurückgeben. Recht hat er, und nur gemeinsam kann das
Schützenwesen bestehen. Auf jeden Fall kann ich Ihnen aber allen
versichern, dass diese Geschichte in unserem Schützenheim zu
großer Heiterkeit geführt hat. Wir haben Tränen gelacht, wobei bei
unserem Kassenführer, Rudi Rabe, die Tränen eher daher rührten,
dass dem Verein ein wichtiger Zuschuss entgangen war.

Apropos Rudi Rabe. Da dies ja eine Laudatio ist, möchte ich ihn
besonders erwähnen. Über 54 Jahre führte er die Kasse des Vereins.
Stets hartnäckig und mit dem richtigen Gespür für die Entwicklungen
schaffte er es ganz hervorragend, die finanziellen Geschicke zu
lenken. Bescheiden im Auftreten und klar in der Ansage, so habe ich
ihn kennen und schätzen gelernt. Natürlich sind die Zeiten für die
Vereine schlechter geworden. Zuschüsse nicht mehr so umfassend
wie in den 80ern und 90ern, und die Mitgliederzahlen sinken. Aber
mit geschicktem haushalten ist es möglich, dass bestehende zu
bewahren und das Rudi, hast Du geschafft und dafür gebührt Dir
Dank und Anerkennung.

(und hier habe ich jetzt stehen tosenden Applaus abwarten)

In den 2000er Jahren nahm das Interesse am Schießsport ab. Die
Mitgliederzahlen sanken. Derzeit haben wir im Schützenverein
Schortens von 1791 e.V. 96 Mitglieder. Mehr als in den 50er und 60er
Jahren aber auch deutlich weniger als in den 90ern. Unser Verein
stellt immer noch Krefsmeister und wir sind auf Bezirks- uns
Landesmeisterschaften vertreten. Wir engagieren uns auch aktiv am
Gemeindeleben in Schortens.

Das Schützenwesen steht seit 2015 auch auf der Unesco-Liste des
immateriellen Kulturerbes. Die Traditionen des Schützenwesens
sollen so besonders gefördert, geschützt und dokumentiert werden.
Dies ist auch unser Bestreben.

Unser Königsschießen findet traditionsgemäß Anfang Mai statt.
Angetreten wird in Schützentracht. Der neue König oder die neue
Königin wird mit dem Gefolge im Rahmen eines Kommersabends
feierlich inthronisiert.

Derzeit regiert Königin Helga die 59. Bei der Jugend regiert Marvin
Hobbiesiefken.

Im Herbst steht das Vogelschießen als fest verankerter Termine in
unserem Schützenjahr.

Der Schießsport bietet - und dies auch ganz besonders für die Jugend
- aus meiner Sicht nach wie vor sehr viel. Nicht nur das Erlernen und
Beherrschen einer Waffe an sich, sondern vielmehr die Konzentration
auf ein Ziel und das Verantwortlichsein für das eigene Tun sind
besonders positive Aspekte. Anders als im Mannschaftssport kann
man Fehler nur bei sich selber suchen. Allerdings muss ich gestehen,
dass in dem Satz:" Wir suchen seit Jahren mit Fleiß, den Schützen, der
keine Ausrede weiß." sehr viel Wahrheit steckt.

Wie oft haben Sie, liebe Schützenschwestern und Schützenbrüder
sich selbst und andere sagen hören: "Das Licht war zu hell oder zu

dunkel, es war zu laut, zu leise, zu warm, zu kalt und so weiter und so
weiter."

Wie dem auch sei, ich hoffe, dass wir in der Zukunft wieder mehr
Jugendliche für diesen Sport begeistern können. Nur so können wir
den Fortbestand unseres Vereins sichern.

Ich weiß, dass ich eine Vielzahl verdienter Mitgliedern nicht
namentlich genannt habe, und dafür entschuldige ich mich, doch
seien Sie versichert, dies geschah nicht in böser Absicht. Ein Verein
lebt von seinen Mitgliedern. Einige engagieren sich mehr andere
weniger. Und die die sich mehr engagieren haben auch das meiste
Lob verdient. Das Engagement aller Präsidenten hat mich bei meinen
Recherchen am meisten beeindruckt. Ohne ihren nimmermüden
Einsatz wäre der Schützenverein Schortens von 1791 e.V. nicht das,
was er heute ist.

Bedanken möchte ich mich, im Namen aller Vereinsmitglieder, für die
Unterstützung, die wir - gleich ob finanziell oder auf andere Weise -
über die Jahre erhalten. Allen voran zu nennen ist hier natürlich die

'Gemeinde Schortens aber auch die Sportbünde, vom Kreis- über
Landessportbund bis über den Oldenburger Schützenbund hin zum
Nordwestdeutschen Schützenbund, unterstützen uns regelmäßig und
zuverlässig. Vielen Dank dafür.

'Abschließend möchte ich mich persönlich bei Rudi Rabe für die
Unterlagen, die er mir zur Verfügung gestellt hat, und bei Peter
Langer und Holger Zwirner bedanken, die mich mit dem Vorschlag,
dass ich heute die Laudatio halten solle, sehr geehrt haben. Als eines
der neueren Mitglieder des Vereins, ich bin erst seit 2015 dabei,
erfuhr ich so von der abwechslungsreichen und erfolgreichen
Geschichte.

Schützenverein Schortens von 1791 e.V .. Ein Verein, der es wert, ist
zu bestehen.

In diesem Sinne wünsche ich allseits "Gut Schuß" und genießen Sie
alle unser Jubiläum.